Mein wahres Leben: Alice Schwarzer

Freitag, 26. April 2013

Alice Schwarzer

Durch Zufall habe ich einen fast dreißig Jahre alten Brief an meine Schwestern, geschrieben von Alice Schwarzer, gefunden. 
Nun bin ich keine ausgesprochene Feministin und habe mich damit auch noch nicht ernsthaft befasst, aber ich finde den Standpunkt und die Argumentation von Alice Schwarzer gut. Im Wesentlichen stimme ich mit Ihrer Meinung überein. Wenn sie schreibt: „… Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht. Beauvoirs Credo bleibt Kern jeder feministischen Analyse. …“. finde ich das gesellschaftlich gesehen richtig. Wenn man körperlich als Frau geboren ist, hat man auch eine zu sein, genau so wie ich im Körper eines Mannes geboren wurde und damit auch automatisch ein Mann war. Da ich es nicht anders kannte und auch so erzogen wurde, habe ich es sogar selbst geglaubt und die Gefühle, die ich hatte, ad absurdum geführt. 
In der Gesellschaft und vorm Gesetz gibt es auch nur Frau oder Mann, zumindest zurzeit. 
Aber von dem Sein, von den Gefühlen her, ist es einem schon mit der Geburt vorgegeben, Mann oder Frau zu sein – oder gegebenenfalls irgendwie dazwischen. In der Regel ist es zwar so, dass im Körper einer Frau eine Frau wohnt und im männlichen ein Mann, aber eben nicht immer. Und diese Abweichung von der Regel sind wir, Transsexuelle, Transidente, Transmenschen oder wie auch immer dies bezeichnet wird. Die Bezeichnung ist mir eigentlich relativ egal, solange sie nicht beleidigend ist. 

Im Juli/August 2007 erschien ein Auszug aus dem Buch "Die Antwort" von Alice Schwarzer in EMMA.  Auch das ist sehr interessant zu lesen. Dort nimmt sie auch Bezug auf den berühmten „Zwillingsfall“, wo Bruce Reimers, ein kleiner Junge, dem bei einem operativen Eingriff im Alter von sechs Monaten versehentlich der Penis beschädigt worden war dann auf Anraten von Sexualwissenschaftler Money einfach als Mädchen erzogen wurde. Dass das schief ging, beweist meiner Meinung nach, dass das Geschlecht im Gehirn vorgegeben ist. 

Aber auch schon 1981 schreibt Frau Schwarzer schon was über Das dritte Geschlecht.  

Eure Andrea

Kommentare:

  1. Hallo Andrea,

    da schlage ich als ergänzende Lektüre doch mal den Artikel "Gender Mainstreaming - Der kleine Unterschied" aus der FAZ vom 7.09.2006 vor. Du wirst danach das zynische Experiment des John Money vielleicht in einem etwas anderen Licht sehen.

    Schön wärs ja wenn die Geschlechterrollen nur erlernt wären, mir ists irgendwie viele Jahre lang nicht gelungen "Mann" zu lernen, und stelle derzeit erstaunt fest "Frau" kaum lernen zu müssen.

    Daß nun Moneys Experiment scheiterte widerlegt auch Teile der Äußerungen von Alice Schwarzer. Geschlechtliche Identität wird nicht nur erlernt sondern ist einfach schon bei der Geburt da - nur leider, wie wir inzwischen wissen, paßt gelegentlich der Körper nicht.

    Die Gefahr der Meinung, daß die geschlechtliche Identität gelernt wird, liegt darin daß sich damit auch die Genitalverstümmelung an Intersex-Kindern rechtfertigen läßt. Mediziner versuchen, teils eigenmächtig, bei solchen Kindern brachial geschlechtliche Eindeutigkeit herzustellen und hoffen dann daß die Kinder die entsprechende ihnen zuoperierte Rolle auch lernen können/werden.

    Eigentlich hätte sich John Money sein Experiment sparen können, denn ihm standen die Unterlagen des Nazi-Arztes Josef Mengele zur Verfügung, der ebenfalls daran arbeitete an Zwillingskindern mit Geschlechtsänderung zu experimentieren.

    Etwas mehr Hintergrund zu der ganzen Historie findet sich in Intersex-Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken - eine Genealogie. Ich meine daß sich Frau Schwarzer keinen Gefallen damit getan hat auf Basis dieser Historie zu argumentieren.

    LG Corinna ;)

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    1. Hallo Corinna,

      danke für Deine Ergänzungen.

      Ich sehe das schon auch so, dass das gefühlte Geschlecht von Geburt an vorgegeben ist, wie ich oben schon erwähnt habe. Ich wurde nicht als Frau erzogen und es gab auch keine sonstigen mir bekannten Einflüsse, die mir weibliche Empfindungen eingehaucht hätten.

      Mit „… ich finde den Standpunkt und die Argumentation von Alice Schwarzer gut. …“ meine ich, dass sie uns als Frauen sieht. Wenn sie z. B. schreibt: „… Ich war nie einverstanden mit der abweisenden Reaktion mancher Feministinnen. Mehr noch: Ich war und bin darüber empört! So wie über dich gestern abend, Irene. Die hätten nichts „bei uns" zu suchen, sagst du, und wendest dich ab. … Und darum sind Carmen, Michaela, Maria, Karin, sind sie alle meine Schwestern. Und ich würde mir wünschen, dass sie in Zukunft auch deine Schwestern sind. Und, dass du weiter mit mir kämpfst gegen Verhältnisse, die aus Körpern Gefängnisse machen, in denen nur maßgeschlagene Seelen Platz haben.“ zeigt doch, dass sie nicht zu den radikalen Feministinnen gehört.

      Vielleicht wird da Frau Schwarzer in Bezug auf John Money’s Experiment ein wenig falsch verstanden. In „Die Antwort“ schreibt sie 2007 „… Wie auch immer, das traurige Leben von Bruce/David taugt wenig als Beleg für die Unabänderlichkeit eines so genannten natürlichen Geschlechtscharakters. Im Gegenteil: Es ist eher der Beweis für die gnadenlose Konstruktion dieser ganzen Geschlechternormen – und für die Absurdität einer Welt, in der ein Mensch ohne Penis eine Frau sein muss. Am humansten wäre es wohl gewesen, den genitalverstümmelten, aber ansonsten gesunden Kleinen einfach trotzdem zeitgemäß als Jungen aufwachsen zu lassen, ganz wie seinen Zwillingsbruder – und ihm behutsam beizubringen, dass auch ein Mann ohne Penis ein Mensch ist …“
      Damit sagt sie doch meiner Meinung nach nicht, das die angeborene geschlechtliche Identität nur erlernt wird, sondern, dass das Experiment keine Rückschlüsse darauf zulässt. Und dass die Geschlechternormen absurd sind, ist auch meine Meinung.

      Weiter finde ich gut: “… In einer idealen, vom Geschlechtsnormen-Terror befreiten Welt, in der Menschen nicht in erster Linie Frauen oder Männer wären – und Schwarze oder Weiße etc. – sondern einfach Menschen, wäre das alles nur ein bedauerlicher Unfall gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Denn das biologische Geschlecht wäre dann nur ein Faktor von vielen, der den Menschen zwar mit prägt, ihn jedoch nicht umfassend definiert: als Frau oder Mann.“

      LG Andrea

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    2. Hallo Andrea,

      die Realität ist, wenn man sich mal vom Existentialiismus von Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir freistrampelt, schon etwas vielschichtiger. Daß sich die Frau Schwarzer dann doch noch korrigiert hat, hat leider nicht den Einfluß auf die feministische Bewegung gehabt der angemessen gewesen wäre.

      Ein interessantes Vorwort von Fr.Schwarzer zum Buch "Man wird nicht als Frau geboren" zeigt die von dir angesprochene Differenzierung ebenfalls. Nur leider ist es so das das radikale Lager der Gleichheitsfeministinnen mit dem Begriff "geschlechtliche Vielfalt" nur wenig anfangen kann und du kommst bei einer Argumentation die die biologischen Unterschiede negiert immer an den Punkt daß es Transgeschlechtlichkeit eigentlich nicht geben kann.

      Der Irrtum der Universalistinnen ist mMn daß sie als biologischen Unterschied nur die primären Geschlechtsmerkmale sehen und das führt in die bekannte Sackgasse (siehe auch unten mein Kommentar zu anonym). Hinsichtlich dieser gebe ich den Universalistinnen gerne Recht, Penis oder Scheide ist für die geschlechtliche Identität irrelevant, das ist Erziehungssache, und natürlich gibt es Frauen mit Penis und Männer mit Scheide.

      Erziehung bedeutet eine Art Programmierung und dazu muß die passende Hardware vorhanden sein. Und an dieser Stelle sind wir beim Gehirn und das findet in der feministischen Betrachtung noch viel zu wenig Aufmerksamkeit. Wenn die Hardware nicht stimmt kannst du nicht drüber weg programmieren und wenn in der Gehirn-Hardware "weiblich" verdrahtet ist dann läßt sich zwar viel drumherum programmieren um trotz falscher Hardware klar zu kommen aber oft schlägt dann doch die Grundprogrammierung durch.

      Den Satz

      Am humansten wäre es wohl gewesen, den genitalverstümmelten, aber ansonsten gesunden Kleinen einfach trotzdem zeitgemäß als Jungen aufwachsen zu lassen, ganz wie seinen Zwillingsbruder – und ihm behutsam beizubringen, dass auch ein Mann ohne Penis ein Mensch ist …

      finde ich viel zu kurz gegriffen. Dem Kleinen muß nicht beigebracht werden daß ein Mann ohne Penis ein Mensch ist, sondern erst mal nur, daß er ein Mensch ist, niemand weiß ob der Kleine wirklich ein mann ist. Was dann daraus wird zeigt die Zeit wenn das Kind in das Alter kommt selbst entscheiden zu können. Diese eigene Entscheidung fehlt mir an dieser Stelle sondern wieder wird nur extern betimmt und genau das ist doch der Grundfehler.

      So langsam findet hinsichtlich der intersexuellen Kinder ein Umdenken statt und sogar der Gesetzgeber hat es endlich gemerkt (na gut, die Ethikkomission mußte nachhelfen). Intersex-Kinder dürfen nicht fremdbestimmt und im Extremfall zwangsoperiert werden sondern sollten in ihren naturgegebenen Zustand eines dritten Geschlechts" aufwachsen bis sie selbst entscheiden können - wenn die sich denn überhaupt für eine der beiden Seiten entscheiden wollen.

      Auf diese Dinge hat der Feminismus weiterhin keine Antwort sondern argumentiert mir da viel zu Penis-fixiert.

      LG Corinna ;)

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  2. Im prinzip gibt es auch nur 2 Geschlechter,nämlich männlich und weiblich,nur diese 2 Formen zusammen sind zur Fortpflanzung und Arterhaltung fähig. Ansonsten gibt es unendlich viele Spielarten synonym Geschlechter genannt,aber alles sind nur Spielarten.Warum will man Geschlecht auf ein Körperteil beschränken? Es ist für mich eine Enität aus körperlichkeit und Geist und den umgebenden sozialen Einflüssen. All das zusammen schaft den Geschlechtsbegriff.

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    1. Was hat die Arterhaltung mit der geschlechtlichen Identität zu tun? Schlimm genug daß die Kirchen ihre reproduktionsorientierte Sicht u.a. ins deutsche Eherecht verdrahten konnten, aber in einer ernsthaften Diskussion über Geschlechter hat die Meinung der Bande im Vatikan wohl keinen Platz.

      Die Zustände jenseits von Mann und Frau sind ebenfalls Geschlechter, und wenn man sich mal davon frei macht daß Geschlecht etwas von außen Sichtbares ist wird vieles einfacher.

      Ich hatte dies kürzlich in "Die fünf Geschlechter der Navajo-Indianer" erklärt, u.a. ist bei deren Sicht markant daß sie durch die Loslösung des Geschlechtsbegriffs von Äußerlichkeiten die Verbindung zwischen Mann und Transfrau nicht als homosexuell sehen.

      Unsere westliche, vor allem von der Bande im Vatikan geprägte, Geschlechtssicht ist nur eine von sehr vielen die es auf der Welt gibt und bei weitem nicht die wirklich Logische. Einen Eindruck davon kannst du dir bei "Geschlechtervielfalt rund um die Welt" verschaffen, klick dich mal durch die Karte und schau dir an welche Geschlechterdefinitionen es so gibt.

      Geschlecht ist keine "Entität aus körperlichkeit und Geist" wie du schreibst, ich verweise hier der Einfachheit halber mal auf den Abhandlung "Sie sind Ihr Gehirn – in einem falschen Körper!" von Dr. Horst Haupt. Geschlecht sitzt nicht zwischen den Beinen sondern zwischen den Ohren, das sollte sich doch nun wirklich langsam rumgesprochen haben.

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  3. Ich frage mich sowieso, warum sich so viele am Geschlecht aufgeilen (ja, auch Transsexuelle). Im Prinzip spielen wir alle nur Rollen. Ob wir akzeptiert werden, hängt davon ab, wie überzeugend wir diese spielen. Als Kind habe ich gern einen Jungen gemimt, weil ich es lustig fand, wie die Leute erstaunt/ungläubig geguckt haben, wenn ich ihnen sagte, dass ich ein Mädchen sei. (Bin als Mädchen geboren.)

    Ich habe beobachtet (bzw. vielfach in Erfahrungsberichten von Betroffenen gelesen), dass Transsexuelle, die "einfach so" (im Sinne von selbstverständlich) ihre gewünschte Rolle als Mann oder Frau leben, viel weniger Probleme haben als jene, die sich stets groß darüber aufregen, wenn jemand z.B. sagt: "Das ist ein Mann in Frauenkleidern." Lustigerweise sind letztere genau die Transpersonen, die total affektiert wirken, weil sie eher dem Klischee einer Frau entsprechen als dem Wesen einer solchen.

    Tagtäglich muss sich Mensch in seiner Rolle der Gesellschaft beweisen. Und je fordernder er auftritt, desto weniger wird er akzeptiert.

    Und doch, einem Kind muss beigebracht werden, dass auch Menschen ohne Geschlechtsteil Menschen sind.
    Frag dich doch selbst: Woher weißt du, was "frau" trägt und wie "frau" sich schminkt? Ganz einfach: Du vergleichst dich selbst mit dem, was du selbst gern wärst bzw. wie du selbst gern aussehen würdest.
    Andere Frauen linsen auf abgemagerte Hollywood-Sternchen und meinen, dass so eine Frau aussehen müsse und hungern sich dann krank. Oder laufen zum Arzt, weil man erst ab Körbchengröße F (wie Frau) als vollwertige Frau gelte.
    Und genauso lassen sich Transfrauen den Schniepel abnehmen, Brüste machen, Bärte entfernen, weil auch sie eine ziemlich klare Vorstellung dessen haben, was eine Frau ausmacht.

    Intersexuelle haben den Vorteil/Nachteil, dass sie prinzipiell beliebig zwischen den Rollen wechseln könnten. Aber ich habe persönlich keinen Bock, mich noch weiter dem Zeitalter des Dauer-Empörtseins und des Sich-von-jedem-und-allem-diskriminiert-Fühlens zu unterwerfen. Also nix "Drittes Geschlecht" und Extrawürstchen, als seien Intersexuelle irgendwelche Aliens, die nicht "dazu" gehören.

    Was aber definitiv auf keinen Fall sein darf, ist eine Zwangsoperation.

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    1. Hallo Anonym,

      schön wäre es, Du hättest Dich wenigstens kurz namentlich vorgestellt.

      Ich gebe Dir Recht, wir spielen alle nur eine Rolle, in der wir hineingeboren wurden. Aber eine Rolle kann man nur überzeugend spielen, wenn sie auch zu einem passt.

      Deine Beobachtung scheint richtig zu sein. Ich lebe, seit ich meine Angst überwunden habe, völlig offen, d. h. ich stehe zu meiner Transsexualität. Das bedeutet zwar nicht, dass ich mir „ein Schild um den Hals hänge“, sondern einfach nur, das ich dazu stehe. Und ich habe so gut wie keine Probleme.
      Aber andererseits habe ich manchmal das Gefühl, als Frau nicht so respektiert zu werden, wie als Mann.

      Das ich vom Wesen her mehr einer Frau entspreche ist mir eigentlich auch erst bewusst, seitdem ich auch als Frau lebe
      Dass sich der Mensch tagtäglich in seiner Rolle der Gesellschaft beweisen muss, das ist eben mal so. Aber dass er weniger wird er akzeptiert wird, umso mehr er fordert, ist nicht so. Forderst Du nichts, erhältst Du in der Regel auch nichts. Von Dir wird in der Gesellschaft auch was gefordert und damit hast Du auch das Recht, Forderungen zu stellen. Ob die alle erfüllt werden, steht auf einem anderen Blatt.

      Als Mensch sollte man einfach so akzeptiert werden, wie man ist und leben dürfen, wie man möchte, solange man keinen anderen schadet. Das sollte man auch anderen zugestehen, auch wenn man da anderer Meinung ist.

      Absolut Recht gebe ich Dir, dass Zwangsoperationen ein grundlegendes Menschenrecht verletzen, das auf Selbstbestimmung.

      LG Andrea

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  4. Nina aka Anonym29. Juni 2013 um 19:40

    Hallo Andrea,

    ich bin Nina. Danke für deine Antwort.

    Ich finde es toll, dass du zu deiner Transsexualität stehst. Dazu gehört einfach eine riesige Portion Selbstwertgefühl, Mut und Charakterstärke. Ich muss zugeben, dass ich solche Blogs sehr gern lese, wie sich jemand vom "Mann" in eine "Frau" verwandelt - dass so viel mehr dazu gehört als sich bloß ein hübsches Kleidchen anzuziehen. Vor allem die medizinischen Möglichkeiten, die es heute gibt, faszinieren mich.
    (Vor einigen Jahren dachte ich immer, dass Transsexuelle traurige Existenzen sein müssen, weil sie dazu verdammt seien wie Männer in Frauenkleidern oder Lesben auszusehen. Aber da habe ich mich zum Glück geirrt. Heute kann jeder (s)ein Stück äußere Weiblichkeit oder Männlichkeit bekommen.)

    Ich dachte bei meiner Aussage über das Fordern eher an Leute/Personengruppen, die plötzlich auftauchen und irgendwelche Forderungen stellen. Transsexualität ist zum Beispiel erst seit einigen Jahren in den Medien präsent. Vorher kannte "man" das nur vom Hörensagen oder als abgedrehte Diven (wenn es denn Transsexuelle und nicht einfach nur Transvestiten waren) aus dem Fernseher. Wenn jemand mit Vollbart und Männerkluft zu jemandem sagt, "nenn mich Frau", dann hat das einfach eher etwas von Fetisch als von Ernsthaftigkeit.
    Ich bin momentan ein wenig medial übersättigt von den vielen Forderungen. Aber du hast natürlich völlig recht, dass es jedem freisteht, eine zu stellen.

    Ich kenne da übrigens eine ältere, urkonservative Person - einen Mann, von dem ich nie im Leben gedacht hätte, dass er jemals Transsexuelle akzeptieren würde. Eines Tages vor ein paar Jahren zeigte er mir ein Foto von jemandem in der Zeitung: "Guck mal, sieht der nicht gut aus?"
    Er hatte mir einen Artikel über Balian Buschbaum gezeigt. Natürlich hatte er ihn gelesen und mir dann ganz stolz vom Inhalt berichtet. "Der war mal eine Frau." (Manche Leute hätten ihn für diese Aussage zurechtgewiesen.)
    Seitdem bin ich mehr denn je der Meinung, dass man Akzeptanz nicht einfordern, sondern nur andere mit Präsenz/Taten davon überzeugen kann.

    Meinst du übrigens, dass du als Transfrau (manchmal/oft?) nicht als vollwertige Frau akzeptiert wirst oder beziehst du dich in Bezug auf Respekt darauf, dass sich Frauen ständig gegenüber Männern beweisen müssen?
    Und falls du oft nicht akzeptiert wirst, würde mich echt mal interessieren, ob du als Frau eher von Männern oder Frauen (oder beiden) abgelehnt wirst.

    Viele Grüße
    Nina

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    1. Hallo Nina,

      dass ich heute zu meiner Transsexualität stehe, war ein weiter Weg. Jahrzehnte lang habe ich mich geschämt und Angst gehabt, dazu zu stehen, dass ich „weiblich“ empfinde. Nein mehr noch, ich habe mich selbst belogen und dagegen gewehrt, weil die Gesellschaft von mir erwartet hat, ein Mann zu sein, nur weil ich dem Äußeren danach entsprach.
      Aber irgendwann (genau Ende Juli 2010) war der Druck so groß, dass es nicht mehr anders ging. Ich habe dann „alles auf eine Karte gesetzt“ und es ging gut. Ich kenne aber auch genügend andere Transsexuelle, da lief es bei weitem nicht so.
      Das es ein bisschen mehr ist, als ein hübsches Kleidchen anzuziehen, ist leider wahr. Zum einen hat da schon das Testosteron Jahrzehnte lang sein Unwesen getrieben, was nicht von heute auf morgen wieder Rückgängig gemacht werden kann und zum Zweiten muss man erst mal beweisen, dass man im falschen Körper lebt und da können einen Behörden, die Krankenkassen und die Gesellschaft schon mächtig Schwierigkeiten machen. Und das in einer Situation, wo man schon genug Probleme mit sich selbst hat.

      Nicht zu verwechseln sind auf jeden Fall Transsexuelle mit Transvestiten. Ein Transvestit ist in der Regel auch gerne Mann. Ich würde das eher als eine Art Fetisch bezeichnen.

      Das man Akzeptanz nicht einfordern kann, liegt doch schon an der Definition, was Akzeptanz ist. Akzeptanz kann nur erreicht werden durch Verstehen. Und Verstehen kann man nur etwas, wenn man auch dazu bereit ist.

      Ich möchte mich nicht laufend als vollwertige Frau beweisen müssen. Ich weiß auch nicht, was eine vollwertige Frau ausmacht. Jeder Mensch ist anders. Ich möchte eigentlich nur das sein, was ich bin, eine Frau, die leider nicht das Glück hatte, in dem richtigen Körper geboren zu sein. Ich bin ich. Jeder Mensch ist individuell und sollte so leben dürfen, wie er mag.
      Leider ist das aber nicht immer so. Aber in der Regel sieht und akzeptiert man mich schon als Frau.

      In Bezug auf die Akzeptanz gibt es bei Frauen meistens keine Probleme (Ausnahme der eigene Partner). Männer tun sich da schon schwerer (Wie kann man nur das starke Geschlecht verlassen?). Frauen sind meist neugierig, wenn sie es mitbekommen, Männer tun meist so, als ob nichts wäre.

      LG Andrea

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  5. Danke nochmal, Andrea, für deine lange Antwort. Ich wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Werdegang und hoffe, dass du den Rest deines Lebens glücklich als Frau verbringen kannst/wirst.

    Danke auch für die vielen interessanten Einblicke in dein Privatleben.

    Liebe Grüße,
    Nina

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