Mein wahres Leben: Der 291. Hinrichtungstag von Catharina Margaretha Linck

Donnerstag, 8. November 2012

Der 291. Hinrichtungstag von Catharina Margaretha Linck

Ich habe schon mehrmals von Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel geschrieben. Heute jährte sich ihr Hinrichtungstag zum zweihunderteinundneunzigsten Mal.

Das sie als wahrscheinlich letzter Mensch in Deutschland hingerichtet wurde, weil sie nicht in ihrem Geburtsgeschlecht gelebt hat und als Frau vorgab ein Mann zu sein und eine Frau geheiratet hat, weiß in Deutschland fast kein Mensch. Es ist auch verzeihlich. Aber dass in der Stadt, wo sie hingerichtet wurde, es keine Stelle gibt, wo man ihrer Gedenken kann, ist schon verwunderlich.

Es muss ja keine Gedenkstätte für LGTB-Opfer sein, aber eine kleine Tafel z. B. am Ort ihrer Hinrichtung, wäre doch denkbar.

Um das anzuregen, habe ich am 01.11.2012 eine Mail an die Volksstimme geschickt.
Da ich keine Antwort erhielt, habe ich dann am 06.11.2012 noch eine Mail an eine andere Mailadresse der Volksstimme gesendet, an der ich die Erste anhing:
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Von: Andrea Süßenguth
An: redaktion.halberstadt@volksstimme.de
Datum: 6. November 2012 um 16:51
Betreff: Fwd: vergessene historische Person
Am 1.11. habe ich die angehängte Mail an die Volksstimme gesendet. Vielleicht war es nicht die richtige Mailadresse. Da ich bisher keine Antwort bekommen habe, gehe ich davon aus, dass meine Nachricht im Spam gelandet ist.
Deshalb leite ich sie heute nochmals an Sie weiter.

In Ergänzung möchte ich hier noch aus Angela Steidele Ihrem Buch „ In Männerkleidern“ zitieren:

„Heute erinnert fast nichts mehr an Catharina Margaretha Linck. …
… In Halberstadt erreicht die >Ortlosigkeit< Catharina Margaretha Lincks einen traurig-grotesken Höhepunkt. Halberstadt wurde bei einem anglo-amerikanischen Angriff am 8. April 1945 zu 82 % zerstört. Was die Bomben stehen ließen, riss die Stadtverwaltung zu DDR-Zeiten ab oder erledigte der Zahn der Zeit. Catharina Margaretha Linck würde ihr Halberstadt nicht wieder erkennen. Im Pauls-Viertel, wo sie wohnte, reiht sich ein Plattenbau an den anderen. Die ursprünglich verbliebenen Türme der im Krieg zerstörten Pauls-Kirche wurden 1969 gesprengt. Auch das Richthaus hat den 2. Weltkrieg nicht überlebt, so wenig wie das berühmte Rathaus. Der Fischmarkt, auf dem Catharina Linck hingerichtet wurde ist neu bebaut, sogar neu parzelliert. Ihre Gebeine schließlich wurden bei einer Baumaßnahme nach der Wende entsorgt. Der ehemalige Galgenberg der Stadt Halberstadt musste einer Einkaufslandschaft weichen; beim Bau des Gewerbegebietes Am Sülzegraben wurde der ehemalige Hügel, den man vor 1990 auf dem Weg von Halberstadt nach Harsleben links der Landstraße noch gut erkennen konnte, abgetragen; und so landeten Lincks Knochen, die man zusammen mit Skelettresten anderer unterm Galgen verscharrter dort fand, auf den Schutt, wenn sie nicht in Fundamente eines Automarkts oder Fastfood-Restaurants betoniert worden.
Das es schwer fällt, heute einen Ort zu finden, an dem man Catharina Margaretha Lincks gedenken könnte, erweitert den Blickwinkel auf all die anderen, derer man sich im selben Zusammenhang erinnern könnte. …“ 

Hier noch eine kleine Ergänzung. Die Halberstädter Chronologie, die im Internet auf der  Seite der Stadt Halberstadt veröffentlicht ist, erwähnt Ereignis nicht. 1721 gibt es da keinen Eintrag.  

Auszug aus Halberstäter Chronologie:

1720
13. April. Neuordnung der städtischen Verfassung durch das „Rathäusliche Interimsregi-ment vor die Stadt Halberstadt”. Die seit 1425 geltende Ratsverfassung wird außer Kraft gesetzt. An die Stelle des gewählten Rates tritt jetzt ein durch den preußischen König (Friedrich Wilhelm I.) eingesetzter achtköpfiger Magistrat.
1723
Halberstadt erhält ein Infanterieregiment als stehende Garnison.

Lediglich auf der Seite des Gleimhauses in Halberstadt wird erwähnt, dass Frau Steidele 2005 den Gleim-Literaturpreis für ihr Buch "In Männerkleidern"  erhalten hat.

Bei Wikipedia auf der Liste von Halberstädtern Persönlichkeiten steht sie wenigstens unter „Persönlichkeiten, die vor Ort gewirkt haben“.

Andrea Süßenguth

---------- Ursprüngliche Nachricht ----------
Von: Andrea Süßenguth
An: chefredaktion@volksstimme.de
Datum: 1. November 2012 um 14:52
Betreff: vergessene historische Person

Hallo,

durch Zufall bin ich auf Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel (http://de.wikipedia.org/wiki/Catharina_Margaretha_Linck) gestoßen. Sie war der letzte Mensch in Deutschland, der hingerichtet wurde, weil sie als Frau geboren wurde und als Mann eine Frau geheiratet hat. Das Buch „In Männerkleidern“ (http://www.querelles-net.de/index.php/qn/article/view/347/355  von Angela Steidele, beschreibt das Leben von Catharina Margaretha Linck. Eine sehr interessante Lebensgeschichte.

Am 8. November diesen Jahres jährt sich der Tag der Hinrichtung von Catharina Margaretha Linck auf dem Fischmarkt in Halberstadt zum 291. Mal. Es ist zwar kein besonderes Datum, aber ich finde es schon erstaunlich, dass es in Halberstadt und Umgebung so gut wie keiner weiß, obwohl dieses Ereignis eigentlich Deutschlandweit von historischer Bedeutung ist.

Die Nachfrage bei der Halberstadt-Information und dann im Stadtarchiv ergab zwar, dass Sie von ihr wussten, aber es ist keine Stelle bekannt, wo man ihr gedenken könne.
Vielleicht ist es ihnen möglich, durch einen kleinen Artikel dieses Ereignis der Öffentlichkeit bekannter zu machen.

Ich habe diesen Fall nur durch Recherchen im Internet entdeckt, die ich wegen meiner Transidentität gemacht habe.

Heute wird man zwar dafür nicht mehr hingerichtet, aber der Weg kann doch sehr beschwerlich sein und die Akzeptanz muss auch nicht immer gegeben sein.

Aus dem Gedanken, einen Blumenstrauß ihr zum Gedenken niederzulegen, wird nun nichts, denn wohin soll ich ihn legen.

Andrea Süßenguth
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Leider erhielt ich auch da keine Reaktion.
Wenn man das für nicht erwähnenswert hält, hätte man mir dass wenigstens mitteilen können.
Und wie zu erwarten war, wurde das Ereignis auch in keinster Weise heute in der Volksstimme erwähnt.

Eure Andrea

Kommentare:

  1. Die Nichtreaktion ist für mich ein zZichen,daß das ganze Transengedöns in Halberstadt niemand außer den Betroffenen interessiert.
    Man müsste sie zunächst freisprechen,denn sie hat aus damaliger Sicht ein verbrechen begangen.
    Andere Zeiten,andere Sitten und Gebräuche.
    Es wurden ja auch noch Deserteure nach der kapitulation Deutschlands zum Tode verurteilt und hingerichtet,ich glaube der Kriegsrichter war der spätere Ministerpräsident von Baden Württemberg,Hans Filbinger, und der wiederum konnte sich nicht erinnern an das Todesurteil,das er gefällt und zur Ausführung gebracht hat.

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    1. Hallo Claudine,

      dass das, nicht nur in Halberstadt, nicht besonders großes Interesse hervorruft, ist mir klar und nicht anders zu erwarten. Aber eine Reaktion wäre aber angebracht.

      Ein Freisprechen ist da meiner Meinung nicht nötig. Man kann mit so einem Abstand doch wohl zur Historie stehen.

      LG Andrea

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    2. Hallo ihr beiden,

      der Fall Catharina Linck ist mMn weniger wegen Trans* interessant sondern auf Grund der Tatsache der Hinrichtung und der Urteilsbegründung. So einfach wie im deutschen Wikipedia dargestellt mag das alles nicht gewesen sein:

      Catharina was charged with wearing men’s clothes, going with the Pietists, frequent desertions and perjuries, sodomizing her wife, stealing from her wife and converting for monetary gain.
      Quelle: "A Gender Variance Who's Who" (einer meiner Lieblingsblogs)

      Allein die Desertionen waren übrigens in der damaligen Zeit die Todesstrafe wert, von den mehrfachen Taufen aus finanziellen Gründen mal ganz abgesehen, in Glaubesssachen verstand man damals gar keinen Spass.

      Die letzte Hinrichtung in Deutschland war das beileibe nicht, das letzte nicht-militärische Todesurteil in der DDR wurde am 15. September 1972 an dem Kindermörder Erwin Hagedorn aus Eberswalde vollzogen.

      Die letzte Hinrichtung überhaupt gabs auch in "Deutschlands wildem Osten":

      Die wahrscheinlich letzte Hinrichtung in Deutschland fand am 26. Juni 1981 in der DDR, in der Hinrichtungsstätte im Gefängnis an der Alfred-Kästner-Straße, Leipzig, statt: Der 39-jährige Stasi-Hauptmann Werner Teske, dem vorgeworfen wurde, sich mit Akten in den Westen absetzen zu wollen (Spionagetatbestand), wurde durch den „unerwarteten Nahschuss” hingerichtet. Hierbei verkündete der Staatsanwalt dem völlig Ahnungslosen die beiden Sätze „Das Gnadengesuch ist abgelehnt. Ihre Hinrichtung steht unmittelbar bevor.” Daraufhin trat der letzte deutsche Henker, Hermann Lorenz, unbemerkt von hinten heran und schoss Teske ohne weitere Umschweife mit einer Armeepistole in den Hinterkopf. Lorenz hat auf diese Weise etwa zwanzig Hinrichtungen vollstreckt und wurde später zum Major befördert.
      (Quelle: wikipedia).

      Mich wundert dass in Halberstadt nicht zumindest der Tourismusverband interessiert ist, denn so eine kleine Gedenktafel am Ort des Geschehens kostet nicht allzuviel und für die Touristen die in die Gegend kommen mag das doch interessant sein, das John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt ist es ja auch und auch der 300.Jahrestag des Synogogenbaus im September war eine Erwähnung wert.

      LG Corinna ;)

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