Mein wahres Leben: Die fünf Geschlechter der Navajo-Indianer

Sonntag, 9. März 2014

Die fünf Geschlechter der Navajo-Indianer

******

Dies hier ist mal wieder ein  Post den ich bei mir unter "zwischen high heels und high tech" veröffentlicht hatte und den ich einfach viel zu schade fand um ihn auf Dauer verfallen zu lassen

Gruss Corinna

******

Facebook und meiner Diskussionsfreudigkeit sei Dank habe ich meist mehr Themen für meinen Blog als Zeit um auch mal was zu schreiben. Kürzlich gab es eine kleine Diskussion über eine ermordete Navajo-Transfrau und da interessierte mich natürlich wie die Navajos das mit den Geschlechtern so sehen. Über Indianer weiss ich seit den Karl-May-Büchern meiner Jugend dass es da stolze Krieger vom Schlage eines Winnetou gibt und schöne Squaws die im Tipi für Ordnung sorgen.

Du Realität ist sehr viel komplizierter, denn zumindest die Navajo kennen mehr als die zwei Geschlechter von denen wir "Bleichgesichter" so wissen. Ich bin dann auf einen Artikel namens "Navajo Cultural Constructions of Gender and Sexuality" gestossen und damit ihr euch nicht mit Englisch herumplagen müsst hier die Übersetzung der relevanten Stellen.


Die Navajo kennen nämlich fünf Geschlechter, als da wären:
  1. Frau (asdzaan): Für die navajos ist die Frau das wichtigste Geschlecht.
  2. Mann (hastiin): Das zweitwichtigste Geschlecht. Tja sorry boys, das musste mal gesagt werden. ;)
  3. Hermaphrodit (nadleeh): Mit dem dritten Navajo-Geschlecht ist es deutlich komplizierter. In unserem Sprachgebrauch wäre das der Intersextyp, aber für die Navajo ist ein naadleeh einfach ein Mensch der Charakteristiken eines anderen als seinem Geburtsgeschlecht zeigt.
  4. männliche Frau: In der Navajo-Terminologie also nadleeh mit weiblichem Körper, bei uns Transmänner. Im täglichen Leben nehmen diese bei den Navajos meist Männerrollen wahr.
  5. weiblicher Mann: Das fünfte Geschlecht ist also ein nadleeh mit männlichem Körper, bei uns die Transfrau, die bei den Navajos meist Frauenrollen wahrnehmen. 
Das Verständnis der Navajo bezogen auf Hetero- und Homosexualität ist anders als bei uns. Wir nehmen die äussere Erscheinung als Massstab, die Navajos die empfundene Geschlechtsidentität. Sie sehen z.B. eine Beziehung zwischen einer Frau und einer nadleeh mit weiblichem Körper, also in unserem Sprachgebrauch die Butch/Femme-Konstellation, nicht als lesbische Beziehung,

Für Transsexuelle dürfte das leichter zu verstehen sein als für andere. In unserem Sprachgebrauch werde ich derzeit von einem heterosexuellen Mann zu einer lesbischen Frau. Eigentlich ist es doch unlogisch dass sich gleich beide Begriffe ändern wenn sich meine sexuelle Ausrichtung nicht ändert.

Die Frage welche Sicht der Dinge die richtige ist, sollte man wohl gar nicht erst stellen. Eine ganz amüsante Geschichte um dies zu unterstreichen (Berdache ist hier synonym zu nadleeh zu verstehen):

Certainly one of the most entertaining stories associated with the berdache adoption of female dress and attitude comes from We’Wha. In 1886, she went to Washington DC to meet President Grover Cleveland accompanied by anthropologist and debutante, Matilda Coxe Stevenson. Because she passed easily as a woman, she was allowed into the ladies rooms and boudoirs of the elite. She delighted in telling the Zuni upon arriving home that "the white women were mostly frauds, taking out their false teeth and ‘rats’ from their hair." One woman gossiped, "To hear Mrs. Stevenson give Waywah’s description of the way a society lady in Washington ‘makes herself young again’ was exceedingly amusing ."
Quelle: " A Native American Perspective on the Theory of Gender Continuum"

Kommentare:

  1. "bei uns die Transfrau"
    ich würde eher sagen der Transvestit. Denn medizinische Verfahren/Operationen der Angleichung gibt es sicher bei den Navajo-Indianer nicht. Gleiches gilt für den Transmann.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wieso?
      Was haben denn das medizinische Verfahren oder Operationen der Angleichung damit zu tun?
      Bei uns gibt es auch Transfrauen / Transmänner, die sich nicht operieren lassen.

      LG Andrea

      Löschen
    2. Eben genau weil es bei den Navajo wohl keine medizinische Geschlechtsangleichung gab finde ich deren Umgang mit zwischengeschlechtlichen Menschen so interessant.

      Ja wir hier haben natürlich alle Möglichkeiten. Und was fällt uns ein damit zu tun? Genitalverstümmelung an Kleinstkindern. DAS kann ich nun wirklich nicht als fortschrittlich ansehen. Das wäre nämlich bei einem unverkrampften Herangehen an die Problematik gar nicht nötig, im Gegenteil dann würde schnell klar daß es gar keine Problematik ist.

      Löschen
  2. Stimmt, die gibt es. Aber die werden auch nur als verkleidete Menschen angesehen (z.B. ein TM ohne HRT) und wenn sie's 10 mal nicht sind.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Und darum finde ich es wichtig, dass die Welt da draußen begreift, dass wir einfach nur Menschen sind, die das Pech gehabt haben, in einem Körper geboren zu sein, der nicht unser ist. Wir können doch nichts dafür, dass unser äußeres Geschlecht nicht zu unserem gefühlten passt? Erst in einer Welt, in der das geschlechtsspezifische Aussehen keine Rolle mehr spielt, gibt es für uns keine Probleme mehr.

      LG Andrea

      Löschen
  3. Wir halten uns hier in der hochtechnisierten Welt des industrialisierten Westens für ach so fortschrittlich. Im Punkt der Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt sind wir Hinterwäldler.

    In Kürze folgt ein Artikel über die Sicht anderer Völker auf die Geschlechterfrage und dieser wird manchen überraschen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So fortschrittlich wäre es nicht das 2-Geschlechtersystem aufzugeben und 3 oder mehr Geschlechter einzuführen. Dies schafft wieder Aussenseiterrollen und auf andere Art eine "Freakshow". Wer möchte schon gern anders sein? Man sollte eher das Geschlecht nicht mehr über Genitalien zu definieren. Für TM und junge TF, die unauffällig im richtigen Geschlecht leben können, wäre die Aufgabe von M und F wie ein schlag ins Gesicht.

      Löschen
    2. „Für TM und junge TF, die unauffällig im richtigen Geschlecht leben können, wäre die Aufgabe von M und F wie ein schlag ins Gesicht.“

      Mehrere Geschlechter einzuführen, bedeutet doch nicht, dass es keinen „Mann“ und keine „Frau“ mehr gibt, sondern nur noch mehrere Klassifizierungen.
      Für mich wäre das auch „ein Schlag ins Gesicht“, denn ich definiere mich eindeutig als „Frau“.

      LG Andrea

      Löschen
    3. Hallo Anonym,

      ja da ist sicher was dran ich kenne so einige TS die einfach nur ihr Zielgeschlecht leben wollen und damit zufrieden sind. Das wäre auch nach Aufgabe der Geschlechter-Bipolarität möglich, das wäre auch bei den Navajo möglich, die kennen Männer - und Frauen - und noch einiges dazwischen.

      Kern der Geschlechterwelt der Navajo ist es doch gerade das Geschlecht nicht mehr von den Genitalien abhängig zu machen. Geschlecht ist etwas, das ist nicht von außen sichtbar, denn das sitzt im Gehirn.

      Horst Haupt läßt grüßen... "sie sind ihr Gehirn".

      Es gibt erstaunlich viele Kulturen in der Welt die sich von dieser Bipolarität abgewandt haben. Aber da wir uns im industrialisierten Westen als Nabel der Welt sehen, nehmen wir diese kaum wahr. Dazu kommt in Kürze noch ein Artikel von mir.

      LG Corinna ;)

      Löschen
  4. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir in einem Land leben, wo es vor 60-70 Jahre noch Gaskammern gab. Ist leider so.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich schrieb bereits von "Hinterwäldnern... ;)

      Löschen

  5. Irgendwo habe ich darüber schon gelesen, aber hier habe ich gelernt, vieles mehr. Ich gratuliere dem Autor des Eintrags und Herzlich grüße ich!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Dominic,

      danke im Namen von Corinna und liebe Grüße zurück.
      Werde es an Corinna weiterleiten.

      LG Andrea

      Löschen
    2. Hallo Dominic,

      danke für das Lob, das hat mich wirklich gefreut. Zumal für dieses Thema, welches ja nun doch ein gutes Stück neben dem Üblichen liegt.

      Zum Thema dieses Posts gibt es eine Fortsetzung, die die Betrachtung der Navajos in einen größeren Zusammenhang stellt, denn ihre Sicht auf die Geschlechter ist zwar faszinierend, aber interessanterweise alles andere als einzigartig.

      Rund um die Welt gibt es Kulturen, die wohl nur wenige Europäer kennen, deren Geschlechterverständnis aber von dem unseren abweicht. Falls es dich interessiert, dann viel Spaß mit der Geschlechtervielfalt rund um die Welt.

      LG Corinna

      Löschen