Mein wahres Leben: Neuer oder mehrere Geburtstage?

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Neuer oder mehrere Geburtstage?

Morgen, am 28. Dezember jährt sich der Tag, an dem ich das Licht der Welt erblickte.

Jeder Mensch hat nun normalerweise nur einen Geburtstag, so eigentlich auch ich. Trotzdem wurde ich in der Vergangenheit öfters gefragt, ob ich einen neuen oder 2. Geburtstag habe. Damit wurde meistens der 12. April, der Tag meiner genitalangleichenden Operation oder auch der 7. Juni, der Tag des gerichtlichen Beschlusses meiner Namens- und Personenstandsänderung, also der Tag, ab dem ich offiziell weiblich bin, gemeint.

Diese Frage kennen auch Menschen, die an der Kippe zum Tod durch Unfall oder schwerer Krankheit gestanden haben und dann den Weg zurück ins Leben doch geschafft haben.  

Im Leben eines Menschen gibt es viele Tage. Die Meisten sind unbedeutend und auch bald vergessen.

Dann gibt es Tage, an denen Ereignisse stattfinden, die man eine Zeitlang in Erinnerung behält, weil sie aus dem normalen Alltagstrott irgendwie herausragen, im negativen sowie im positiven Sinn. Das können z. B. besondere Jubiläen oder Feiertage, Krankheiten oder Unfälle, Ärger oder Freuden und ähnliches sein.

Weiter gibt es Tage, die man nie vergisst, weil etwas sehr Bedeutendes passiert ist, wie zum Beispiel Hochzeitstage, die Geburt eines Kindes, den Tod eines nahen Verwandten oder Freundes.

Und dann gibt es noch Tage, die das Leben verändern. Wer, wie ich, eine Transition durchmacht, hat gleich mehrere davon oder man könnte auch sagen, die Veränderung findet etappenweise statt. Aber sind es deshalb gleich Geburtstage?

  • Der erste besondere Tag ist der Tag des Outings. Bei mir wäre das ein Tag Ende Juli 2010. Den genauen Tag weiß ich nicht mehr, da ich damals diesem Tag keine solche Wichtigkeit beigemessen habe. Wenn ich heute noch Zugang zum PEF hätte, wüsste ich diesen Tag, den das Anmeldedatum dort war einen Tag nach meinem Outing. Eigentlich ist das Outing eines der wichtigsten Ereignisse, denn ohne dem, wäre nichts passiert. 
  • Der zweite besondere Tag ist der Beginn meiner psychologischen Betreuung. Am 3. Februar 2011 hatte ich meinen ersten Termin bei Dr. Seikowski in Leipzig. Damit habe ich meine Transition offiziell eingeleitet. 
  • Ein weiterer besonderer Tag für mich ist der 21.03.2011. An diesem Tag wurde ein medizinisch-psychologisches Gutachten erstellt, das aussagt, dass ich transsexuell bin und dass mit der Hormontherapie begonnen werden kann. 
  • Seit dem 29. April 2011 lebe ich nur noch als Frau. An diesem Tag habe ich den letzten Schritt gemacht, mich in der Mitarbeiterzeitung meines Arbeitgebers offiziell geoutet, obwohl einige es schon vorher wussten.
  • Die Hormoneinnahme konnte ich lang ersehnt am 17.05.2011 beginnen. Damit habe ich angefangen, eine gewisse Unumkehrbarkeit in meinen Weg zu bringen und körperliche Veränderungen einzuleiten. 
  • Am 28. Juni 2011 habe ich mit der Bartentfernung mittels IPL begonnen, um zumindest erst mal grobe maskuline Spuren wie den Bartschatten los zu werden. 
  • Meinen Antrag zur Vornamens- und Personenstandsänderung habe ich am 2. November 2011 an das Amtsgericht Magdeburg geschickt und damit auch die rechtliche Seite eingeleitet. 
  • Am 5. Januar 2012 hatte ich meine Vorstellung bei Frau Prof. Dr. Krege zur geschlechtsangleichenden Operation. Damit stand für mich endgültig fest, auch körperlich soviel „Frau“ wie nur möglich zu sein. 
  • Nach kurzer großer Enttäuschung über eine Ablehnung meiner Krankenkasse zur Kostenübernahme der geschlechtsangleichenden Operation erhielt ich diese aber am 17.02.2012. 
  • Die genitalangleichende Operation fand dann auch, sehnsüchtig erwartet, am 12.04.2012 statt. Jetzt besaß ich endlich das, wonach ich mich gesehnt habe, den Körper einer Frau. 
  • Am 07.06.2012 wurde vom Amtsgericht Magdeburg der Beschluss gefasst, dass ich jetzt Andrea heiße und rechtlich eine Frau bin.
Die restlichen wichtigen Ereignisse danach, wie Nach-OPs lasse ich mal in der Aufzählung weg, genau wie diejenigen deren Zeitpunkt man nicht genau festlegen kann, wie zum Beispiel, dass meine Frau bei mir bleibt. 

Aus dieser Aufstellung sieht man, dass es eigentlich keinen weiteren oder neuen Geburtstag für mich geben kann. Alle Ereignisse in ihrer Gesamtheit haben dazu geführt, dass ich heute als Frau lebe. Die einzelnen Tage der Ereignisse sind für mich wichtig, aber eben kein Geburtstag. 
Der wichtigste Tag meines Lebens ist und bleibt somit der Tag, an dem ich als Mensch geboren wurde – mein Geburtstag der 28. Dezember.

Eure Andrea

Kommentare:

  1. Guter Artikel! Ich denke ich werde trotzdem einen zweiten Geburtstag einführen, aber nur, weil ich gern einen Grund zum Feiern habe :P

    Liebe Grüße :)
    Nina <3

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    1. Hallo Nina,

      das kannst Du natürlich machen, wie Du das selbst möchtest.
      Feiern tue ich auch gerne, aber trotzdem sind es keine Geburtstage für mich.

      LG Andrea

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  2. Hallo Andrea,

    herzlichen Glückwunsch zu deinem "wahren" Geburtstag.

    LG Corinna ;)

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    1. Hallo Corinna,

      danke für Deine Geburtstagswünsche.

      LG Andrea

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  3. Hallo Andrea,

    es ist anzunehmen, dass der 28.12.54 in deinem Ausweis steht und somit Dein amtlicher Geburtstag ist.

    Dazu herzlichen Glückwunsch - und noch viele glückliche und gesunde Jahre in Deinem "Wahren Leben".

    Dass es Tage im Leben gibt, die einen mehr als der amtliche Geburtstag bedeuten, ist unumstritten. Aber, wie man das persönlich erlebt, ist jedermanns/frau Privatsache.

    Viel Spaß beim feiern.

    Cosima

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    1. Hallo Cosima,

      vielen Dank für Deine Wünsche.
      Natürlich steht der 28.12.1954 in meinem Ausweis und es wird auch nicht nur mein amtlicher Geburtstag sein. Die anderen sind einfach das, was sie sind, aber eben keine Geburtstage.

      LG Andrea

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  4. Hallo Andrea,an der Aufzählung so vieler Banalitäten sehe ich,daß du nie wirklich echte Probleme hattest,daß es dir eigentlich sehr gut geht. Es verwundert mich bei deiner Aufstellung daß da deine Eheschließung,die Geburt deiner Kinder,das erste Auto und das erste Haus fehlt.So,und jetzt schnell wieder mein statement löschen,sonst geht die ach so heile Welt in die Brüche.
    Gruß Anonym A.

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    1. Falls Du es nicht bemerkt hast, ich schreibe hier über meine Transition und nicht über Familienereignisse, die zwar auch sehr wichtig sind, aber damit nicht viel zu tun haben.
      Für mich sind das alles keine Banalitäten und wenn Du alles aufmerksam gelesen hast, weist Du auch, dass es Probleme gab, die aber alle gelöst wurden.

      LG Andrea

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  5. Das,was du bis dato bei deiner Transition erlebt hast, sind für mich recht normale Dinge. Es würde für dich wahrscheinlich sehr schlecht aussehen,wenn die Bundesrepublik Deutschland die DDR nicht übernommen hätte,dann hättest du richtig Grund zum Jammern und dann hättest du wahrscheinlich auch keine Transition gemacht.
    Gruß Anonym A.

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    1. Ach ja, was wäre wann?
      Ich habe es langsam leid, auf solche sinnlosen Kommentare zu antworten. Was willst Du damit bezwecken? Pflege lieber deinen Mann und halte Dich hier raus, wenn Du nicht was schreiben kannst, was auch jemanden interessiert.
      .
      LG Andrea

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    2. @anonym: hmmm... das war irgendwie schwach finde ich.

      Die DDR hatte sogar ein Transsexuellengesetz, und zwar vom 27.Februar 1976, hier gehts zum download.

      Im Westen gab es das "schon" am 10.09.1980. ;)

      Und was das mit "die DDR übernommen" betrifft, wenn ich mir die Politik die gemacht wird und die Kanzlerette so anschaue scheint es mir mehr und mehr als ob die DDR die ehemalige BRD übernommen hat.

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    3. Hallo Anonymus A (Anfänger?)
      Irgend wie ist dir entgangen, dass einige der bekanntesten Sexualpsychologen östlich der Elbe beheimatet waren oder sind. Prof. Lykke Aresin und ihr Gatte, haben bereits in den 60-zigern (gab es , so glaube ich bei euch die "Elektoschocktherapie"!!!) das Grundwissen für vernünftige Behandlung von Transgendern gelehrt.Auch Dr. Saikowsky stammt aus dem bösen "Osten" und bei Prof. Weller war bis vor ein paar Jahren eine Behandlung wegen Transsexualität nicht halb so erniedrigend, wie ich es derzeit auf etlichen Internetseiten westlich der Elbe zu lesen bekomme.
      Und warum hatten wir so vor ca. 30 Jahren fast eben soviel GA OP`s wie in der Bundesrepublik? Ach jetzt fällt es mir wieder ein, weil wir nichts hatten : nicht mal Badebekleidung, darum gab es ja hier nur FKK.

      Dann rutscht mal alle gut in´s neue Jahr

      Liebe Grüße Miriam Henke

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  6. Ich weiß zwar,daß die damalige DDR auch ein fortschrittliches TSG hatte,aber angewedet wurde es sehr selten,wenn überhaupt.
    Die Politik und deren Akteure sind lediglich ein Spiegel unserer gesellschaft und der ist zugegebenermaßen schlecht und das hat wenig mit den neuen Bundesländern zu tun.
    Der kapitalismus hat sich genauso überlebt,wie der Komunismus,es ist wohl an der zeit unsere Gesellschaft neu auszurichten.
    Allerdings scheue ich mich davor,den begriff Reform zu wählen,denn dies steht für mich synonym für Verschlechterung.
    Anonym A.

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  7. Ach ja.jetzt fallen mit auch die medizinischen Kapazitäten wieder ein : Baier und Sauerbruch,die Wegbereiter moderner Geschlechtsanpassung.
    Anonym A.

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